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Sawsan Chebli
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Sawsan Chebli (arabisch ŰłÙˆŰłÙ† ŰŽŰšÙ„ÙŠ Susan Schibli ; * 26. Juli 1978 in West-Berlin) ist eine deutsche ehemalige politische Beamtin (SPD), Autorin und Aktivistin. Sie war von Dezember 2016 bis Dezember 2021 BevollmĂ€chtigte des Landes Berlin beim Bund und StaatssekretĂ€rin fĂŒr BĂŒrgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Senatskanzlei. Zuvor war sie von Januar 2014 bis Dezember 2016 stellvertretende Sprecherin des AuswĂ€rtigen Amts und von MĂ€rz 2010 bis Dezember 2013 Grundsatzreferentin fĂŒr interkulturelle Angelegenheiten in der Berliner Senatsverwaltung fĂŒr Inneres und Sport.

Contents

‱ Literatur
‱ Weblinks

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Herkunft, Ausbildung und Privates

Cheblis Eltern lebten infolge des PalĂ€stinakrieges ab 1948 als palĂ€stinensische FlĂŒchtlinge im Libanon und kamen 1970 als Asylbewerber in die Bundesrepublik Deutschland. Nach der Ablehnung der AsylantrĂ€ge lebten sie geduldet und staatenlos in West-Berlin, wo Chebli 1978 als zwölftes von dreizehn Kindern geboren wurde.cite-ref-dlf-hoffe-1-0[1]cite-ref-tagesspiegel-islam-2-0[2]cite-ref-2-3-0[3] Ihr Vater wurde dreimal in den Libanon abgeschoben und kehrte immer wieder nach Deutschland zurĂŒck.cite-ref-2-3-1[3]cite-ref-4[4] 1993 erhielt die Familie die deutsche Staatsangehörigkeit.cite-ref-dlf-hoffe-1-1[1]cite-ref-tagesspiegel-islam-2-1[2]cite-ref-2-3-2[3] Chebli bezeichnete ihre familiĂ€re Herkunft sowie den sich daraus ergebenden persönlichen Bezug zum Nahostkonflikt als Motivation, Politik zu studieren und in die Politik zu gehen.cite-ref-tagesspiegel-24932326-5-0[5]cite-ref-taz-5141868-6-0[6]cite-ref-zeit-2018-02-02-7-0[7]

Chebli wuchs in Moabit auf. Deutsch lernte sie in der Schule.cite-ref-dlf-hoffe-1-2[1]cite-ref-tagesspiegel-islam-2-2[2] Nach dem Abitur 1999 am Lessing-Gymnasium studierte sie Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien UniversitÀt Berlin, war von 2001 bis 2003 studentische Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients und schloss 2004 mit dem Diplom ab.cite-ref-3-8-0[8] Ein Vorbild war ihr 2018 verstorbener Àltester Bruder, der als Imam in Schweden arbeitete und die dortigen Behörden in Integrationsfragen beriet.cite-ref-9[9]cite-ref-tagesspiegel-islam-2-3[2]cite-ref-10[10]

Chebli ist mit Nizar Maarouf verheiratet, der bis 2014 stellvertretender Direktor von Vivantes International Medicine, der Medizintourismus-Sparte von Vivantes, und einer der GeschĂ€ftsfĂŒhrer der dazugehörigen Betreibergesellschaft Vivantes International war.cite-ref-11[11]cite-ref-12[12] Nach der Auflösung der Betreibergesellschaft durch den Berliner Senat und der Eingliederung des GeschĂ€ftsbereichs in das Mutterunternehmen im Jahr 2014 war er noch bis 2019 stellvertretender Direktor von Vivantes International Medicine.cite-ref-vivantes-13-0[13]cite-ref-14[14] Er war zeitweise Mitglied des PrĂ€sidiums der Ghorfa.cite-ref-vivantes-13-1[13] Im Mai 2020 wurden Chebli und Maarouf Eltern eines Sohnes.cite-ref-15[15]

In einem Tweet von 2019 gab Chebli an, Sawsan Mohammed Chebli zu heißen. Diesen Tweet richtete sie ausdrĂŒcklich an die AfD, die zuvor in einem Beitrag es als ein Zeichen fĂŒr Islamisierung interpretiert hatte, dass 2018 Mohammed der meistvergebene Vorname in Berlin gewesen war. Chebli wurde daraufhin 24 Stunden fĂŒr die Bearbeitung auf Twitter gesperrt, was stark kritisiert wurde.cite-ref-16[16]

Politische Laufbahn

2001 wurde Chebli Mitglied der SPDcite-ref-welt-17-0[17] und arbeitete wĂ€hrend ihres Studiums im BundestagsbĂŒro von Gert Weisskirchen.cite-ref-1-18-0[18] Nach dem Abschluss des Studiums 2004 war sie 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Brigitte Wimmer und 2005 bis 2009 von Johannes Jung.cite-ref-3-8-1[8]cite-ref-1-18-1[18] Ihr TĂ€tigkeitsschwerpunkt war die Außenpolitik.cite-ref-1-18-2[18] 2009 nahm sie als eine der Munich Young Leaders an der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz teil.cite-ref-19[19] Im MĂ€rz 2010 ĂŒbernahm Chebli in der von Ehrhart Körting geleiteten Berliner Senatsverwaltung fĂŒr Inneres und Sport die neu geschaffene Stelle als Grundsatzreferentin fĂŒr interkulturelle Angelegenheiten.cite-ref-20[20]cite-ref-21[21]

Im Januar 2014 berief Frank-Walter Steinmeier sie als erste Muslimin und ohne vorherige DiplomatentĂ€tigkeit zur Stellvertreterin des Pressesprechers Martin SchĂ€fer ins AuswĂ€rtige Amt. Wie bereits ihre Berufung zur Grundsatzreferentin fĂŒr interkulturelle Angelegenheiten fand auch dies ein großes Medienecho.cite-ref-tagesspiegel-bete-faste-trinkenicht-22-0[22]cite-ref-pnn-berufung-23-0[23]cite-ref-hurriyet-berufung-24-0[24]cite-ref-25[25]cite-ref-26[26] Im AuswĂ€rtigen Amt war Chebli einem Bericht des Spiegels zufolge umstritten. Der Personalrat des Ministeriums sei mit Beschwerden ĂŒber sie befasst gewesen. Außerdem habe sie in Pressekonferenzen oft unvorbereitet gewirkt und auf Nachfragen „patzig“ reagiert.cite-ref-27[27] Im Februar 2014 gehörte sie zu den GrĂŒndern des Arbeitskreises muslimischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten.cite-ref-tagesspiegel-juma-28-0[28] Seit 2016 gehört sie dem Berliner Landesvorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen an.cite-ref-29[29]

Nach der Wiederwahl von Michael MĂŒller zum Regierenden BĂŒrgermeister von Berlin am 8. Dezember 2016 wechselte Chebli als BevollmĂ€chtigte des Landes Berlin beim Bund und StaatssekretĂ€rin fĂŒr BĂŒrgerschaftliches Engagement und Internationales in die von Björn Böhning geleitete Berliner Senatskanzlei.cite-ref-30[30]cite-ref-0-31-0[31] Im Gegensatz zu ihrer VorgĂ€ngerin Hella Dunger-Löper war sie auch fĂŒr den Bereich Internationales zustĂ€ndig und verantwortlich fĂŒr die Abteilung Protokoll und Internationales, die zuvor beim Chef der Senatskanzlei angesiedelt war. Die aus der Umgliederung resultierende Konkurrenzsituation zwischen Chebli und dem damaligen Leiter der Abteilung Volker Pellet soll laut Medienberichten zum Weggang Pellets im Jahr 2017 gefĂŒhrt haben.cite-ref-32[32] Am 17. April 2018 wurde Christian Gaebler Chef der Senatskanzlei. Nach der Wahl von Franziska Giffey zur Regierenden BĂŒrgermeisterin am 21. Dezember 2021 verließ Chebli die Senatskanzlei. Ihre Nachfolgerin wurde Ana-Maria Trăsnea.cite-ref-33[33]

Bei der Bundestagswahl 2021 wollte sie als Direktkandidatin im Wahlkreis Berlin-Charlottenburg – Wilmersdorf kandidieren, unterlag bei der parteiinternen Vorwahl aber Michael MĂŒller.cite-ref-34[34]

Politische Initiativen

Chebli initiierte 2010 die GrĂŒndung des Vereins JUMA. Der Vereinsname steht fĂŒr die AbkĂŒrzung von Jung, Muslimisch, Aktiv und das arabische Wort fĂŒr Freitagsgebet. Ziel des Vereins ist es, jungen Muslimen eine Stimme zu geben.cite-ref-35[35]cite-ref-tagesspiegel-juma-28-1[28]cite-ref-36[36]

2017 war Chebli fĂŒr die Kampagne Farben bekennen verantwortlich, bei der in Berlin Plakate mit Bildern von GeflĂŒchteten, dem Schriftzug „Typisch Deutsch“ und jeweils einer Eigenschaft wie Hilfsbereitschaft oder PĂŒnktlichkeit aufgehĂ€ngt wurden.cite-ref-37[37] Seit 2018 wird ein „Farbenbekennen-Award“ verliehen, mit dem Leistungen von GeflĂŒchteten ausgezeichnet werden.cite-ref-38[38]

Chebli war nach eigenen Angaben in ihrer Jugend Antisemitin, Ă€nderte ihre Einstellung aber spĂ€ter.cite-ref-39[39] Auf ihre Initiative wurde im November 2017 der Berliner Arbeitskreis gegen Antisemitismus gegrĂŒndet. Die Amadeu Antonio Stiftung und das JĂŒdische Forum fĂŒr Demokratie und gegen Antisemitismus kritisierten, dass sie an der GrĂŒndung nicht beteiligt wurden.cite-ref-welt-antisemitismus-40-0[40] Im Dezember 2018 stellte der Arbeitskreis seinen Abschlussbericht vor, in dem die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten und eine stĂ€rkere Thematisierung von Antisemitismus in Schulen und UniversitĂ€ten gefordert wurden.cite-ref-41[41]

Im Januar 2018 forderte Chebli eine Pflicht zum Besuch einer KZ-GedenkstĂ€tte fĂŒr alle in Deutschland lebenden Personen.cite-ref-42[42] Nach dem Anschlag in Halle (Saale) am 9. Oktober 2019, dem höchsten jĂŒdischen Feiertag Jom Kippur, rief Chebli zu einer Mahnwache vor der Neuen Synagoge in Berlin auf, zu der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erschien.cite-ref-43[43]

Positionen und Kontroversen

Haltung zum Islam

Chebli ist praktizierende Muslimin und Ă€ußerte sich 2012 zum Tragen eines Kopftuchs folgendermaßen: „Ja, das Kopftuch ist fĂŒr mich eine religiöse Pflicht, aber nein, ich trage es nicht, weil es fĂŒr mich nicht das Wichtigste im Islam ist.“cite-ref-44[44] Bei ihrer Berufung zur StaatssekretĂ€rin im Dezember 2016 begrĂŒndete sie ihre Entscheidung, kein Kopftuch zu tragen, mit ihrer Überzeugung, dass man anders in Deutschland keine politische Karriere beginnen könne.cite-ref-0-31-1[31] Im Januar 2017 Ă€ußerte sie gegenĂŒber der Zeit: „Ich trage kein Kopftuch, weil ich es nicht möchte. Ich will aber, dass jede Frau das fĂŒr sich selbst entscheiden kann.“ Erol Özkaraca (damals SPD) kritisierte diese Äußerung mit den Worten: „Von einer muslimischen Sozialdemokratin erwarte ich, dass sie sagt: Mein Gott ist ein barmherziger Gott, er verlangt von mir nicht, mich zu verhĂŒllen.“cite-ref-2-3-3[3]

In einem Doppelinterview mit Michael MĂŒller in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im August 2016 antwortete Chebli auf die Frage, warum unter muslimischen Jugendlichen der dritten Generation der Anteil derer steige, die im Zweifel die Scharia ĂŒber das Grundgesetz stellen: „Die Scharia regelt zum grĂ¶ĂŸten Teil das VerhĂ€ltnis zwischen Gott und den Menschen. Es geht um Dinge wie das Gebet, um Fasten, um Almosen. Das stellt mich als Demokratin doch vor kein Problem im Alltag, sondern ist absolut kompatibel, wie es fĂŒr Christen, Juden und andere auch der Fall ist.“cite-ref-45[45] Cheblis Berufung zur StaatssekretĂ€rin durch MĂŒller im Dezember 2016 bezeichnete Erol Özkaraca (damals SPD) gegenĂŒber der Welt als absolute Fehlentscheidung, von der er MĂŒller mehrfach abgeraten haben will. Sie arbeite daran, den konservativen Islam in Deutschland hoffĂ€hig zu machen. Es sei aber nicht Aufgabe der Politik, religiöse Ströme zu organisieren. Chebli sei in Wirklichkeit keine moderate Muslima, sondern konservativ. Das Kopftuch betrachte sie als religiöse Pflicht. Ihre Aussagen zur Vereinbarkeit der Scharia mit unserer Verfassung und zur Integration werfe die Frage auf, ob ihr die Grenzen des sĂ€kularen Rechtsstaats bewusst seien und sie bereit sei, fĂŒr diese einzustehen. Das passe alles nicht zur SPD.cite-ref-welt-17-1[17] GegenĂŒber der Berliner Zeitung sagte er, Cheblis Berufung sei ein Signal, dass hohe RegierungsĂ€mter konservativen Muslimen offenstĂ€nden, und eine StĂ€rkung konservativer islamischer KrĂ€fte. Lale AkgĂŒn (SPD) bezeichnete die Berufung als krasse Fehlentscheidung. Sie warf Chebli vor, die Scharia fĂŒr mit dem Grundgesetz kompatibel zu halten und einen gestrigen Islam zu vertreten. Außerdem kritisierte sie, dass Chebli ĂŒber die Religion Politik mache.cite-ref-46[46] Chebli selbst erlĂ€uterte ihre Haltung zur Scharia im Januar 2017 gegenĂŒber der Zeit so: „Die Scharia enthĂ€lt rituelle Vorschriften fĂŒr das Gebet und das Verhalten glĂ€ubiger Menschen, darunter die Verpflichtung, Almosen zu spenden. Das alles fĂ€llt ganz klar unter die Religionsfreiheit. Andere Vorschriften der Scharia widersprechen ganz klar dem Grundgesetz und haben in einem demokratischen Staat nichts zu suchen.“cite-ref-2-3-4[3]

Nach antisemitischen und israelfeindlichen Protesten in Berlin anlĂ€sslich der AnkĂŒndigung Donald Trumps, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, forderte Chebli im Dezember 2017 mehr muslimisches Engagement gegen Antisemitismus. Sie Ă€ußerte sich gegenĂŒber der Welt: „Genauso wie Muslime als Minderheit erwarten, dass andere sich fĂŒr sie einsetzen, wenn sie diskriminiert oder angegriffen werden, mĂŒssen sie ihre Stimme viel lauter erheben, wenn Juden in unserem Land bedroht werden. Der Kampf gegen Antisemitismus muss auch ihr Kampf sein.“cite-ref-47[47] Zuvor war sie in die Kritik geraten, weil sie die antisemitischen Ausschreitungen zunĂ€chst nicht kritisiert hatte.cite-ref-welt-antisemitismus-40-1[40] Im Rahmen der Verhandlungen ĂŒber eine erneute Große Koalition nach der Bundestagswahl 2017 wollte die SPD Chebli zur Antisemitismusbeauftragten und spĂ€ter zur Integrationsbeauftragten der Bundesregierung vorschlagen. Dagegen protestierten jĂŒdische Organisationen mit dem Vorwurf, in den Vorjahren judenfeindliche Angriffe in Berlin nicht kritisiert zu haben und muslimischen Judenhass zu verharmlosen.cite-ref-48[48]

Die Hauptfigur des 2021 erschienenen Romans Die Kandidatin von Constantin Schreiber, die als erste Muslima fĂŒr das Amt der Bundeskanzlerin kandidiert, wurde als Anspielung auf Chebli gedeutet.cite-ref-49[49]

SexismusvorwĂŒrfe

Im Kontext der breiten öffentlichen Diskussion um #MeToo veröffentlichte Sawsan Chebli im Oktober 2017 auf ihrer Facebook-Seite eine wenige Stunden zuvor gemachte Erfahrung von Alltagssexismus. WĂ€hrend eines dienstlichen Auftritts bei der Deutsch-Indischen Gesellschaft sei sie vom Botschafter a. D. Hans-Joachim Kiderlen als Frau öffentlich herabgewĂŒrdigt worden.cite-ref-50[50] Der frĂŒhere Diplomat bedauerte wenige Tage spĂ€ter seine „unpassende Ansprache“ und entschuldigte sich gegenĂŒber der StaatssekretĂ€rin.cite-ref-tagesspiegel-20171013-51-0[51] Der Vorfall und Cheblis Umgang damit zogen eine kontroverse Diskussion in der deutschen Presse nach sich.cite-ref-52[52]cite-ref-53[53]cite-ref-54[54]cite-ref-55[55]cite-ref-56[56] Cornelia von Oheimb, Vertreterin der Deutsch-Indischen Gesellschaft, widersprach Cheblis Darstellung der UmstĂ€nde des Vorfalls.cite-ref-57[57]

MĂ€ĂŸigungsgebot

Nachdem Chebli im August 2018 einen Tweet unter dem Hashtag #wirsindmehr mit dem Satz „Wir sind zu wenig radikal“ beendet hatte, wurde ihr ein Verstoß gegen das MĂ€ĂŸigungsgebot vorgeworfen, dem sie als Beamtin sowohl dienstlich als auch privat unterliegt.cite-ref-58[58] Eine im Januar 2019 vom Chef der Senatskanzlei Christian Gaebler erlassene Dienstanweisung, dass sich Mitarbeiter der Senatskanzlei bei öffentlichen Äußerungen zurĂŒckzuhalten hĂ€tten und ein Hinweis auf ein bestehendes DienstverhĂ€ltnis zur Senatskanzlei zu unterlassen sei, wurde von den Medien als Reaktion auf Cheblis öffentliche Äußerungen gewertet.cite-ref-59[59]

Gerichtliche Auseinandersetzungen

Das Amtsgericht Tiergarten sprach am 27. Februar 2020 den YouTuber Tim Kellnercite-ref-60[60] vom Vorwurf der Beleidigung frei, der Chebli als „islamische Sprechpuppe“ und „Quotenmigrantin der SPD“ bezeichnet hatte. Die Staatsanwaltschaft Berlin und Chebli kĂŒndigten an, in Berufung zu gehen.cite-ref-61[61]cite-ref-62[62]

Am 13. November 2020 kommentierte Chebli einen Fernsehbeitrag des Kabarettisten Dieter Nuhr, dass dieser „so ignorant, dumm und uninformiert“ sei und „nur Witze“ ĂŒber Minderheiten machen könne.cite-ref-63[63] Dazu nahm der CDU-Fraktionsvorsitzende in Brandenburg, Jan Redmann, auf Facebook Stellung. Unter diesen Beitrag setzte am 15. November 2020 ein Nutzer bei Facebook einen beleidigenden Kommentar in Bezug auf Chebli. Sie klagte daraufhin auf Unterlassung und EntschĂ€digung in Höhe von 5000 Euro. Durch rechtskrĂ€ftige Berufungsentscheidung wurde der Klage auf Unterlassung stattgegeben, ein Anspruch auf GeldentschĂ€digung jedoch abgelehnt.cite-ref-64[64]cite-ref-65[65]

Wegen anderer Beschimpfungen Cheblis und solcher gegen Nancy Faeser und Annalena Baerbock wurde Tim Kellner am 4. Oktober 2023 vom Amtsgericht Detmold zu einer Gesamtgeldstrafe von 110 TagessĂ€tzen zu je 100 Euro verurteilt.cite-ref-66[66] Seine Berufung wurde am 5. Juni 2024 vom Landgericht Detmold zurĂŒckgewiesen.cite-ref-67[67]

Im Zusammenhang mit einem Online-Hasskommentar von 2021 bekam Chebli Mitte Januar 2024 5000 Euro EntschĂ€digung vom Landgericht Berlin zugesprochen. Laut dem Landgericht handelt es sich „um SchmĂ€hkritik, die in die WĂŒrde der KlĂ€gerin eingreift“; daher seien ihre „Persönlichkeitsrechte verletzt“. Der Verfasser muss zudem die Anwalts- und Gerichtskosten tragen. Das Geld, so Chebli, gehe an die Organisation „Hate Aid“. Das Urteil ist noch nicht rechtskrĂ€ftig.cite-ref-68[68]

FĂŒhrungsstil

Im Oktober 2020 berichtete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ĂŒber den Vorwurf ehemaliger Kollegen gegen Chebli, als StaatssekretĂ€rin in der Verwaltung Chaos angerichtet zu haben. Sie habe in Unkenntnis der AblĂ€ufe agiert, stĂ€ndig neue Ideen eingebracht, die sie bald wieder fallen gelassen habe, und Sitzungen einberufen, zu denen sie als einzige nicht erschienen sei. Als Vorgesetzte habe sie die Mitarbeiter regelmĂ€ĂŸig fĂŒr eigene Fehler verantwortlich gemacht und sie „wie Dreck behandelt“. Immer wieder hĂ€tten sich Mitarbeiter deshalb krankgemeldet oder versetzen lassen. Ein Beamter remonstrierte beim Chef der Senatskanzlei gegen Anweisungen Cheblis, die er als ungerechtfertigt ansah. Auch der vorzeitige Weggang des Protokollchefs Volker Pellet aus der Senatskanzlei 2017 wurde wieder aufgegriffen. Chebli bestreitet diese VorwĂŒrfe.cite-ref-69[69]

Russischer Überfall auf die Ukraine

In einem Beitrag fĂŒr den Tagesspiegel stellte Chebli Ende April 2022 bei vielen Menschen in der arabischen Welt eine „Abwesenheit von Empathie gegenĂŒber dem Leid der ukrainischen Bevölkerung“ fest. SolidaritĂ€t gebe es in Syrien, „wo man die BrutalitĂ€t der russischen MilitĂ€rs am eigenen Leib erlebt“ habe. Die GrĂŒnde fĂŒr das von ihr wahrgenommene Fehlen von Empathie sind laut Chebli ein verbreiteter Antiamerikanismus in Nahost sowie auch „ein mehr oder weniger offen ausgesprochener Antisemitismus“. Russland habe „die arabische Nachbarschaft Europas als ein ‚weiches Ziel‘ der Propaganda ausgemacht [...], wo man mit Desinformation unter Einsatz geringer Mittel starke Wirkung erzielen“ könne. Daher mĂŒsse „unsere Außenpolitik sich viel stĂ€rker an die Gesellschaften in der Nachbarschaft Europas richten [...], als das bisher der Fall“ sei. Man mĂŒsse „klar und deutlich“ die politischen Ziele kommunizieren und dĂŒrfe sich Diskussionen nicht verweigern.cite-ref-70[70]

Krieg in Gaza seit 2023

In einem von Daniel Bax fĂŒr die taz gefĂŒhrten Interviewcite-ref-71[71] wird Chebli im Juni 2024 mit der Äußerung zitiert, dass PalĂ€stinenser in der deutschen Öffentlichkeit „kaum Empathie und SolidaritĂ€t, sondern Ausgrenzung, Misstrauen und immer öfter puren Hass“ erfĂŒhren. Es tue „weh zu sehen, dass so viele Menschen, die sonst laut sind, wenn es um Menschenrechte geht und darum, Grundrechte zu verteidigen, zu Gaza schweigen“. Über den Krieg im Gazastreifen informiere sie sich vor allem ĂŒber amerikanische, britische und arabische Medien, denn viele Nachrichten kĂ€men „hier schlicht nicht vor“ und seien „einseitig und verzerrt“. Sie habe die Verbrechen der Hamas „sofort klar verurteilt und deutlich gemacht, dass sie durch nichts zu rechtfertigen“ seien: wer aber „heute, nach ĂŒber 35.000 Toten, die meisten davon Kinder und Frauen, und all dem, was wir ĂŒber die KriegsfĂŒhrung und die Politiker in der israelischen Regierung wissen, immer noch blind Israel verteidigt und lediglich ‚aber Hamas‘ sagt, mit dem teile ich keine gemeinsamen Werte“. Sie denke „erstmals auch darĂŒber nach, Deutschland zu verlassen“, und keine Wahl sei ihr so schwergefallen „wie die letzte Europawahl, vor allem wegen der Haltung der SPD zu Gaza“. Sie konstatierte ein „kollektive[s] Wegsehen bei antimuslimischem Rassismus“.cite-ref-72[72] Kritik an Cheblis Äußerungen kam vom Psychologen Ahmad Mansour. Ebenfalls in der taz warf er ihr vor, „an den Fakten vorbei[zu]reden“: Nicht Muslime, sondern Juden erlebten hierzulande „einen enormen Zuwachs an Feindseligkeit“.cite-ref-73[73] Auch der Islamwissenschaftler und PĂ€dagoge Abdel-Hakim Ourghi sprach von einer „vollkommen einseitigen Sichtweise“ Cheblis.cite-ref-74[74]

Literatur

‱ Mariam Lau: „Ich, eine Islamistin? Schauen Sie mich doch an!“ In: Die Zeit, Nr. 5/2017.
‱ Nicola AbĂ©: Löwenkind. In: Der Spiegel. Nr. 29, 2018, S. 32–34 (online).
‱ Sawsan Chebli, Miriam Stein: „Laut. Warum Hatespeech echte Gewalt ist und wie wir sie stoppen können.“ Goldmann, Frankfurt 2023, ISBN 978-3-442-31706-6.

Weblinks

Commons

: Sawsan Chebli

– Sammlung von Bildern

‱ Sawsan Chebli im Munzinger-Archiv (Zugriff fĂŒr angemeldete Benutzer)
‱ Sabine Ripperger: Eine PalĂ€stinenserin im Berliner Innensenat. In: Deutsche Welle, 20. Juli 2010.
‱ Fatina Keilani: Körtings Grundsatzreferentin Chebli: „Islam macht mir das Leben leicht“. In: Der Tagesspiegel, 22. Februar 2011.

Interviews

‱ mit Alke Wierth: „FĂŒr mich ist das Wesen des Islams friedlich“. In: taz, 1. Juni 2010.
‱ mit Christina BrĂŒning: „Mein Deutschsein hat Kratzer erfahren“. In: Berliner Morgenpost, 2. Oktober 2011.
‱ mit Tilo Jung: Sawsan Chebli (SPD). Jung & Naiv Folge 313, 25. Juni 2017 (Video, 83 Min.).
‱ mit Tilo Jung: Sawsan Chebli (SPD) will in die erste Reihe Jung & Naiv Folge 478, 4. Oktober 2020.

Einzelnachweise

cite-note-dlf-hoffe-11. ↑ Klaus Remme: „Ich hoffe, dass ich ein gutes Vorbild bin“. In: Deutschlandfunk. 6. Februar 2014, abgerufen am 28. Juli 2015.
cite-note-tagesspiegel-islam-22. ↑ Fatina Keilani: „Islam macht mir das Leben leicht“. In: Der Tagesspiegel. 22. Februar 2011, abgerufen am 28. Juli 2015.
cite-note-2-33. ↑ Mariam Lau: Sawsan Chebli: „Ich, eine Islamistin? Schauen Sie mich doch an!“ In: Die Zeit. Nr. 5/2017, 26. Januar 2017, ISSN 0044-2070 (Online [abgerufen am 26. Januar 2017]).
cite-note-44. ↑ Deike Diening: StaatssekretĂ€rin auf Gedenkfahrt: Was Sawsan Chebli in Auschwitz suchte – und was sie fand. In: Der Tagesspiegel. 16. Juni 2019, abgerufen am 6. MĂ€rz 2020.
cite-note-tagesspiegel-24932326-55. ↑ Laura Hofmann: Sawsan Chebli ĂŒber ehrenamtliches Engagement: „Berlin ist Modell fĂŒr eine starke Zivilgesellschaft“. In: tagesspiegel.de. 23. August 2019, abgerufen am 28. August 2020.
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